Systeminnovation für nachhaltigere Lederchemie

Wenn es darum geht eine „nachhaltigere Chemie“ in den Lederlieferketten zu erreichen, steht die Branche vor komplexen Herausforderungen. Um diese zu überwinden, ist es mit technischen Innovationen – z.B. neue biobasierte Gerbchemikalien, optimierte Prozessabläufe – alleine nicht getan. Vielmehr ist die Anreizsituation der Akteure im globalen Kontext zu analysieren, diese Technologien auch anzuwenden. Zudem sind Fragen des Managements der Lieferketten zentral. So zeigt sich, dass Zwang und etwa vertragliche Pflichten nur bedingt den erwünschten Effekt erzielen, dass Lieferanten vom Kunden spezifizierte Chemikalien nach Maßgabe konkreter Anforderungskataloge anwenden.

Erforderlich scheinen vielmehr innovative Kooperationsformen entlang der Lieferkette. Zudem bedarf es eines gewissen Grads an Formalisierung der neuen Regeln, sei es durch private Governance-Initiativen der Branche, Normung oder gesetzgeberische Aktivitäten. Dieser Dreiklang aus technischen, sozialen bzw. organisationalen sowie institutionellen Innovationen zeigt die verschiedenen relevanten Perspektiven einer „Systeminnovation“. Auch für die Transformation in Richtung einer nachhaltigeren Chemie in den Lederlieferketten ist ein systemisches Vorgehen erforderlich. Diesem Grundverständnis folgt das Lederprojekt der Hochschule Darmstadt. Damit orientiert es sich am Stand der Wissenschaft im Kontext der Transformationsforschung.

Systemblick und Visionsbildung mit der Szenario-Technik

Auf dem Weg zur Systeminnovation bedarf es zunächst eines gemeinsamen Verständnisses der Herausforderungen, vor denen wir stehen, sowie, darauf aufbauend, der Entwicklung einer gemeinsamen Vision. Auf einem Workshop im Oktober 2018 in Darmstadt mit Vertreterinnen und Vertretern entlang der Lederlieferkette (Chemie, Gerbunternehmen, verarbeitende Industrie, Handel) und weiteren Stakeholdern wie NGOs sowie aus der Politikberatung (u.a. Südwind, Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit/GIZ) beschlossen die Akteure, zu diesem Zweck die Szenariotechnik nach Geschka einzusetzen, ursprünglich konzipiert als Methode der strategischen Unternehmensplanung. Diese Methode setzte die Hochschule bereits erfolgreich in einem strukturell ähnlich gelagerten Projekt mit der Textilindustrie ein. Es entstand ein Szenario-Team bestehend aus Akteuren der Lederbranche und weiteren Stakeholdern, unterstützt durch die Hochschule Darmstadt, den Projektpartner Schader-Stiftung und die Unternehmensberatung Geschka & Partner.

Zwischen März und Juni 2019 entwickelte das Team Zukunftsszenarien zum Thema „Leder 2035“ im Hinblick auf den Einsatz von und den Umgang mit Chemikalien in den globalen Lieferketten. Sie identifizierten zunächst die 16 wichtigsten Einflussfaktoren (z.B. Rechtsrahmen, Transparenz, Prozessinnovation) für das Thema und bewerteten deren Wirkbeziehungen. Anschließend galt es, Projektionen, d.h. Entwicklungsperspektiven für die Einflussfaktoren, zu erarbeiten (z.B. 2035 wird der Rechtsrahmen für die Lederherstellung international stärker harmonisiert sein) und zu bewerten, ob die Projektionen zueinander konsistent sind (d.h. schließen sich projizierte Entwicklungen gegenseitig aus, unterstützen sie sich gegenseitig etc.). Auf dieser Datengrundlage ließen sich in einem weiteren Schritt, unterstützt durch eine spezielle Analyse-Software, vorhandene Projektionen zu Szenarien „Leder 2035“ zusammenstellen. Ergebnis des Szenario-Prozesses waren zwei im Gegensatz zueinander stehende, dabei zugleich in sich konsistente, Szenario-Geschichten:  „Masse statt Klasse“ (Szenario A) sowie  „Qualität durch Wertschätzung und Bewusstsein“ (Szenario B).

Szenario A

Unter den gegebenen globalen Verhältnissen, d. h. einer wachsenden Nachfrage nach bezahlbarem Leder, das unter dem real existierenden Kostendruck nur eine standardisierte kostenoptimierte Massenware ermöglicht, dominiert 2035 die Lederindustrie homogene „billige“ Massenware, an die zugleich geringe Anforderungen an die Funktionalität des Leders sowie Qualität bestehen.

Szenario B

2035 haben Prozessinnovationen dazu geführt, dass sich überall qualitativ hochwertiges Leder in einer die natürlichen Ressourcen schonenden Weise produzieren lässt. Die Abnehmermärkte für derart produziertes Leder sind stabil. Die Risiken von Chemikalien in den Prozessen und Produkten sind weitgehend abgestellt oder unter Kontrolle.

Strategien entwickeln mit Vertretern der gesamten Lieferkette

Die Akteure des Szenario-Teams entschlossen sich gemeinsam dazu, durch entsprechende Maßnahmen darauf hinzuwirken, dass die in Szenario B beschriebenen Entwicklungen eintreten. Die h_da unterstützt diese Umsetzungsphase. Im September sowie im November 2019 erfolgten Strategie-Workshops in Darmstadt und Frankfurt mit den Akteuren aus dem Szenario-Team sowie weiteren Vertretern aus Industrie, Handel, Politikberatung und NGOs. Ausgangsfrage des Workshops im September war, welche Strategien und konkreten Maßnahmen erforderlich sind, um positive Entwicklungen entsprechend der Szenario-Geschichte B („Qualität durch Wertschätzung und Bewusstsein“) anzustoßen. In Arbeitsgruppen befassten sich die Teilnehmenden mit den zentralen Fragen, die die Szenario-Geschichte aufwirft, u.a.: Wie lassen sich Transparenz und Traceability unter Wettbewerbsbedingungen in die Umsetzung bringen? Wie lassen sich Standards (Arbeitsbedingungen, Chemikalien-Management etc.) harmonisieren, kontrollieren, sanktionieren und umsetzen? Zu diesen und zwei weiteren Fragestellungen entwickelten die Teilnehmenden jeweils strategische Herangehensweisen im Rahmen von „Roadmaps“: Mit der Perspektive bis 2035, dabei unter besonderer Berücksichtigung der kurzfristigen Perspektive (bis 2022), identifizierten sie Meilensteine, die es zu erreichen gilt, formulierten je Meilenstein konkrete Aktivitäten und benannten Akteure für die Umsetzung. Ein zweiter Workshop im November diente dazu, die Roadmaps mit weiteren Praktikern erneut zu diskutieren. Die in den Roadmaps formulierten Aktivitäten ergaben, einzeln oder in der Gesamtschau, bereits tragfähige Ideen für Teilprojekte auf dem Weg zur Szenario-Geschichte. Ein Factsheet enthält weitere Details zu den Strategie-Workshops.

Fahrplan für die Systeminnovation

Die Methode der „Theory of Change“ stellt ein nützliches Werkzeug für die Gestaltung („Fahrplan“) und das Monitoring von Systeminnovationen dar. Sie ermöglicht es, strukturiert Einzelschritte und Teilmaßnahmen im Kontext zu erfassen sowie unter Beachtung der jeweiligen Wirkbeziehungen zu sehen. In der Theory of Change (ToC) lassen sich Aktivitäten und erwartete Effekte verschiedenen Sphären zuordnen. So lässt sich die Sphäre des direkten Projektrahmens definieren, innerhalb dessen konkrete Aktivitäten erfolgen (Workshops, Studien etc.) und Produkte entstehen (technische Innovationen, Politikberatung etc.). Nur in dieser Sphäre, die im Kern der ToC angesiedelt ist, verfügen die Projektbeteiligten über eine weitgehende Kontrolle. Inwieweit die Praxis diese Projektergebnisse aufnimmt, d.h. Akteure ihr Verhalten anpassen in Richtung einer Nachhaltigen Entwicklung, ist Gegenstand von weiteren, darum herum liegenden Sphären. Diese entziehen sich mit zunehmender Entfernung vom Kern weitgehend der Kontrolle durch das Projekt. Ursächlich dafür ist u.a., dass die intendierten Wirkungen eines Projekts sich oftmals erst nach dessen aktiver Laufzeit einstellen (können) und dass das System angewiesen ist auf parallel verlaufende Entwicklungen, die jedoch nicht Gegenstand des Projekts sind. Vor diesem Hintergrund erweitert die ToC die Perspektive über die unmittelbar bearbeitbaren Aspekte eines Projektes und schließt parallele Entwicklungen mit Blick auf die übergeordnete Zielorientierung mit ein. Zusammenfassend übernimmt die ToC mehrere Funktionen, indem sie zum einen strukturbildend ist und systemische Schwachstellen im Projekt aufzeigt. So liegt bereits der Entwicklung einer ToC ein iterativer Prozess zugrunde, der Maßnahmen und Projekte relativ zur ihren Wirkweisen reflektiert und nötige vorgeschaltete Maßnahmen sichtbar macht. Zum anderen eignet sie sich als Kommunikationswerkzeug, da sie komplexe Transformationsprozesse auf das Wesentliche reduziert verdeutlicht. Schließlich eröffnet sie Ansatzpunkte, um Indikatoren für die Projekt-Performance zu entwickeln. Nachfolgend ist daher eine Theory of Change für "nachhaltigere Chemie" in den Lederlieferketten illustriert (die ToC als PDF finden Sie hier).

  • Teilprojekt #1 – Harmonisierung von Standards für eine "nachhaltigere" Lederchemie

    Eine weitere Harmonisierung von Standards in der Produktion von Leder und Lederprodukten soll bestehende Unterschiede im internationalen Rahmen reduzieren und somit das Qualitätsniveau insgesamt anheben sowie Wettbewerbsverzerrungen reduzieren.
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  • Teilprojekt #2 – IT Tools und Governance für Traceability

    Der Aufbau eines branchenweiten, IT-basierten Austauschformates und von Konventionen, um Chemikalien entlang der Lederlieferketten rückverfolgen zu können (Traceability), stärkt Abnehmer bei ihren Compliance- und Qualitätsbestrebungen und ermöglicht eine zielgerichtetere Nachfrage.
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  • Teilprojekt #3 – Chemikalien und Prozessinnovation

    Die Zukunft der Herstellung von Lederchemikalien sollte auf einem ganzheitlichen Ansatz beruhen, der basierend auf ökobilanziellen Untersuchungen diejenige Lösung präferiert, von der die geringsten Belastungen für Mensch und Umwelt ausgehen.
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  • Teilprojekt #4 – Leder-Designguidelines für Nachhaltige Entwickung

    Eine „nachhaltigere Lederchemie“ wirkt sich oftmals auch auf das Ledermaterial aus. Leder-Designguidelines geben Orientierung für die Auswahl von Lederarten für verschiedene Anwendungen, sowie zu deren gestalterischen Inszenierung als attraktive Produkte.
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