Herausforderungen entlang der Lederlieferketten

Der Herstellungsprozess von Leder erfordert den Einsatz von Chemikalien. Rechtliche Anforderungen und Vorgaben seitens der Chemikalienindustrie über die sorgfältige Verwendung sollen verhindern, dass die Chemikalien Mensch und Umwelt belasten. In der modernen Lederindustrie sind jedoch global verzweigte Lieferketten die Regel, was Markenhersteller und den Handel vor enorme Herausforderungen stellt: bei der Kontrolle der Prozesse (Lederherstellung und Verarbeitung, weitere Geschäftsprozesse), bei Compliance-Aktivitäten sowie hinsichtlich der Fähigkeit, den Einsatz und die Entwicklung einer „nachhaltigeren Chemie“ aktiv bei ihren Zulieferern einzufordern.

Chemikalien in der Gerbung: Direkte und indirekte Belastungen für Mensch und Umwelt

Betrachtet man die Produktionsschritte im Lebensweg eines Lederprodukts – beginnend am Schlachthof, wo als Nebenprodukt die Haut als Rohware anfällt, über die verschiedenen Gerbstufen bis hin etwa zur Schuhfabrik – können über die eingesetzten Chemikalien an vielen Stellen Belastungen für Mensch und Umwelt entstehen. Viele der Chemikalien sind problematisch, da sie etwa Gefahrenkennzeichnungen auf Basis der global harmonisierten Einstufungsregeln (GHS) tragen.

Unmittelbar nach dem Schlachtvorgang gilt es, die Rohhaut für die weiteren Fertigungsschritte zu konservieren. Hierzu lassen sich problematische Stoffe anwenden (Biozide, Fungizide etc.). Diese sind allerdings hochpreisig in der Beschaffung. Daher kommt vielfach auch die „Haushaltschemikalie“ Kochsalz zum Einsatz, die ebenfalls Gefahren für Ökosysteme birgt, wenn das Abwasser nicht sachgemäß entsorgt wird. Kühlung steht als Konservierungsmethode wegen des technischen und logistischen Aufwands und wegen der entstehenden (Energie-)Kosten oftmals nicht zur Verfügung. Auch im weiteren Lebensweg bei der (Zwischen-)Lagerung der verarbeiteten Rohhaut und des Endprodukts kann eine Konservierung erforderlich sein.

In der sogenannten Wasserwerkstatt sind die Häute für die spätere Gerbung durch chemische Prozesse zu enthaaren und zu entfetten, was in der Regel – und notwendigerweise – mithilfe von „aggressiven“ Chemikalien erfolgt.

Mit Blick auf den eigentlichen Gerbprozess lassen sich drei Grundtypen – mineralische, vegetabile sowie synthetische Gerbung – unterscheiden, wobei in der Praxis häufig Mischformen dieser Methoden vorkommen. Mehr als 80 Prozent des global verfügbaren Leders gehen zurück auf Gerbung, die ganz oder teilweise auf der mineralischen Chemikalie Chrom III basieren. Chrom III gilt als vergleichsweise effiziente Gerbchemikalie, die in dieser Form auch keine nennenswerten Risiken für den Menschen oder die Umwelt birgt. Allerdings kann Chrom III zu dem problematischen Stoff Chrom VI oxidieren, der u.a. als krebserregend eingestuft ist sowie sensibilisierend (allergieauslösend) wirken kann. Chrom VI entsteht besonders durch Verfahrensfehler im Laufe der Gerbung, kann sich aber auch im weiteren Lebensweg des Leders in Folge der (unsachgemäßen) Handhabung bilden. Auch die alternativen Gerbchemikalien können eine Belastung für Mensch und Umwelt darstellen. So weisen eingesetzte Aldehyde ebenfalls Gefahrkennzeichnungen auf. Zudem basiert die Produktion dieser Stoffe, wie bei fast alle handelsüblichen organischen Chemikalien, in der Regel auf fossilen Rohstoffen. Vegetabile Gerbstoffe weisen mit Blick auf ihre intrinsischen Eigenschaften ein vorteilhaftes toxikologisches Profil auf. Allerdings führt die vegetabile Gerbung auch zu einer Belastung der Abwässer, da sie einen höheren chemischen und biologischen Sauerstoffbedarf aufweist als z.B. Chrom III. Zudem sind die ökologischen und gesundheitsbezogenen Implikationen im Zusammenhang mit dem Anbau vegetabiler Gerbstoffe zu beachten (Flächennutzung, Monokulturen führen zu Biodiversitätsverlusten, Konkurrenz mit Lebensmittelversorgung). Mithin haben alle gängigen Gerbmethoden spezifische Vor- und Nachteile.

Nach der Gerbung folgt noch die Zurichtung ("Finish") des Leders, in dessen Rahmen Chemikalien das Material an der Oberfläche mit Blick auf die jeweils gewünschten Eigenschaften (Schutz vor Nässe, UV-Beständigkeit, Färbung etc.) optimieren. Dazu wird das Leder z.B. lackiert bzw. laminiert.

Anschließend verarbeiten nachgelagerte Akteure das Leder ggf. weiter zu Endprodukten. Auch hierbei ist das Material oftmals Chemikalien ausgesetzt, wie z.B. Klebstoffen (etwa bei Schuhen), die unerwünschte (Neben-)Reaktionen der Chemikalien im Leder auslösen können.

Herausforderung Compliance

Für viele der problematischen Stoffe in der Lederproduktion gelten in der EU und teilweise auch an anderen Standorten gesetzliche Anforderungen, die deren Einsatz beschränken oder anderweitig regulieren (z.B. über Berichtspflichten). Dies gilt bspw. für manche der im Finish eingesetzten per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC). Zentral ist daneben die Beschränkung laut der EU Chemikalienregulierung REACH von Chrom VI in Ledererzeugnissen, die mit der Haut in Kontakt kommen können. Interne Kontrollen von – mitunter auch namhaften – Markenherstellern oder von Vollzugsbehörden zeigen, dass der Chrom VI-Grenzwert von 3 mg/kg (0,0003 Gewichtsprozent) in Lederprodukten häufig überschritten wird. Viele Unternehmen betreiben merklichen Aufwand, um ihre Compliance-Risiken zu reduzieren z.B. durch die Auswahl zuverlässiger Lieferanten sowie durch chemische Tests von Produkten, bevor diese in den Verkehr kommen. Die gängigen Kontrollverfahren können das Risiko von Produktkontaminationen mit Chrom VI und anderen regulierten Stoffen reduzieren – völlig ausschließen können sie diese jedoch nicht.

Prozesskontrolle und Know-how

Viele der beschriebenen Belastungen lassen sich vermeiden durch professionalisierte Arbeitsabläufe sowie den Einsatz von Prozesstechnologien auf dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik. Während die in Deutschland ansässige Lederindustrie über entsprechendes Know-how verfügt, werden bereits innerhalb der EU an manchen Standorten die Kapazitätsgrenzen für die Abwasseraufbereitung erreicht. Zudem ist hinsichtlich der Lederproduktion in Entwicklungsländern die Lage deutlich angespannter. Hier soll oftmals ungelerntes Personal die komplexen chemischen Prozesse des Gerbens steuern; zudem fehlt es an Investitionen in moderne Umwelttechnologien und an Experten, um diese zu bedienen.

Innovationen für eine nachhaltigere Lederchemie?

Große Teile der Lederindustrie wurde an Standorte des „globalen Südens“ verlagert, wo sich Leder im Niedriglohnsektor massenhaft produzieren lässt. Hier steht die Produktion zu geringen Arbeits- und Investitionskosten im Vordergrund. Die Gerbereien Europas investieren zwar in Umwelttechnologien, haben wegen des Kostendrucks den Aufwand für Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten jedoch erheblich reduziert und fokussieren diese vor allem auf Optimierungen der vorhandenen Prozesse (inkrementelle Innovationen). Die Chemieindustrie in Europa spielt eine führende Rolle im globalen Markt für Lederchemikalien. Sie stellt die Hilfsmittel für die gängigen Herstellungsprozesse von Leder bereit und profitiert somit auch von der Dominanz der Chromgerbung. Daneben forscht die Chemieindustrie auch an alternativen Gerbverfahren und Chemikalien, für die allerdings offenbar keine ausreichend große Nachfrage seitens der Markenhersteller und des Handels existiert.

Mangel an Transparenz und Rückverfolgbarkeit

In der modernen Lederindustrie sind global verzweigte Lieferketten die Regel, was Markenhersteller und den Handel vor enorme Herausforderungen bei der Kontrolle der Prozesse stellt. Eine paradigmatische Lieferkette könnte etwa wie folgt aussehen: Aufzucht und ggf. Schlachtung in Südamerika, Gerbung bis Wetblue (frisch gegerbtes Leder unmittelbar nach der Chromgerbung) in Indien, Färbung und Zurichtung in China, Fertigung des Erzeugnisses (z.B. Schuh) in Vietnam, Vertrieb in Nordamerika oder Europa. Der in Europa ansässige Markenhersteller hat Kontakt zu seinem direkten Lieferanten, d.h. zumeist dem Importeur. Die Identität von Sublieferanten entzieht sich regelmäßig jedoch seiner Kenntnis. Eine Rückverfolgbarkeit, welche Chemikalien in welchem Prozess von wem eingesetzt wurden (mit weiteren Informationen zu Produktionsweisen, Arbeitsschutz, Abfallmanagement, sozialen Aspekten etc.), existiert lediglich in der Automobilindustrie – und auch hier mit Einschränkungen. Dies erschwert die Prozesskontrolle, Compliance-Maßnahmen sowie die Fähigkeit von Brands, eine „nachhaltigere Chemie“ aktiv bei ihren Zulieferern nachzufragen.

Geschäftsmodelle nicht ausreichend an Nachhaltiger Entwicklung orientiert

Vor dem Hintergrund einer Nachhaltigen Entwicklung in Bezug zur Lederchemie basieren die globalen Lieferketten auf etablierten Geschäftsmodellen, die für das Umdenken in Richtung einer „nachhaltigeren“ Lederchemie Hemmnisse darstellen können. Hier bedarf es neuer oder weiterentwickelter Ansätze. Anknüpfungspunkte dafür bieten etwa Prozess- und Produktinnovationen, ein effektiveres sowie effizienteres Lieferketten-Management und Geschäftspraktiken wie „Product-Service-Systems“.

Problembeschreibung anhand von Einflussfaktoren für den Chemikalieneinsatz in der Lederindustrie

Im Jahr 2019 erfolgte im Lederprojekt der Hochschule Darmstadt ein Szenario-Prozess mit Akteuren aus der Lederlieferkette (Chemische Industrie, Gerbereien, Verbraucherhandel, Automobil) und weiteren Stakeholdern (NGOs, Wissenschaft). Dieser identifizierte zunächst die Einflussfaktoren im Hinblick auf den Einsatz und Umgang in den globalen Wertschöpfungsketten mit Chemikalien bei der Herstellung von Leder. Zu jedem Einflussfaktor existiert außerdem ein kurzer Abriss zum Status Quo: